| Modellgeschichte
Die Ahnen des Alfasud Tipo 13-61
Viele glauben, der Alfasud sei das erste Alfa Romeo-Projekt unterhalb der heute als Mittelklasse bezeichneten Fahrzeuggröße gewesen.
Der verantwortliche Ingenieur Giuseppe Busso plante für den Tipo 13-61 einen zweizylindrigen Reihenmotor mit Wasserkühlung, der im Prinzip ein halbierter Giulietta-Motor war. Die Giulietta und ihr 1300er Motor befanden sich damals ebenfalls noch in der Entwicklung. Vorgesehen waren Frontantrieb, ein quer montierter Motor sowie vorne innen liegende Scheibenbremsen. Damals absolut revolutionär, sah das damals übliche Antriebslayout doch einen längs eingebauten Motor mit Heckantrieb vor. Leider kam es noch nicht einmal zu einem Prototyp, da man zu der Einsicht gekommen war ein solches Fahrzeug nicht kostengünstig genug produzieren zu können um konkurrenzfähig zu sein. Tipo 103
Der zweite und letzte Anlauf vor dem Alfasud
war der Tipo 103. Um einen größeren Marktanteil im schnell wachsenden Automobilsegment
zu erzielen, plante man ein Auto unter der Giulietta. Der 1960 fertig gewordene Prototyp
wies einen etwa 1000 cm³ großen,
quer vor der Der blaue Prototyp und mehrere Design- und Aerodynamikstudien haben wie der Motor den Weg in das Museo Storico in Arese gefunden und können dort von den Besuchern besichtigt werden. Designanleihen des Tipo 103 finden sich kurze Zeit später am Renault 8 und am Simca 1000 wieder.
Dies kommt nicht von ungefähr. Zur Zeit der Entstehung des Tipo 103 waren Alfa Romeo und Renault recht eng mit einander verbunden, Alfa baute in Süditalien die Dauphine und den R4 für den italienischen Markt in Lizenz. Besagte Franzosen werden hier nicht weiter erwähnt, da sie im engeren Sinne keine Alfa Romeo sind. Das Projekt Alfasud Sieben Jahre später
(1967) reift unter dem Alfa-Vorsitzenden Giuseppe
Luraghi erneut der Entschluss sich aus dem Kuchen der rasant steigenden
Absatzzahlen der Autoindustrie ein größeres Stück herauszuschneiden.
Nun werden trotzdem Schlag auf Schlag die Weichen für ein neues Fahrzeug
unter der Giulia gestellt. Alfa Romeo schafft es seinen Besitzer, den italienischen Staat,
für die Finanzierung des Projekts zu begeistern. Um staatliche Subventionen
für das Projekt zu erhalten, müssen allerdings einige Auflagen berücksichtigt werden. Um der im Mezzogiorno vorherrschen
Landflucht Einhalt zu gebieten, soll das neue Werk im Süden Italiens
gebaut werden. Wer in Italien damals zu Wohlstand wollte, musste in den
reicheren Norden ziehen, da es im landwirtschaftlich geprägten Süden fast keine
Industrie gab. Aus genannten Gründen konnte das Projekt
also nicht in der Umgebung von Alfas Stammsitz Mailand umgesetzt werden.
Die Wahl des Standortes wurde schnell auf Pomigliano d'Arco eingegrenzt,
da dort Alfa Romeo Avio schon vor und während des Zweiten Weltkriegs
Flugmotoren produzierte. Auf diesem schon seit langem in Alfa Romeo Besitz
befindlichen Gelände - auf dem zwischenzeitlich Schafherden weideten - wird nun mit der
Projektierung und dem Neubau eines kompletten Automobilwerks
begonnen. Die alte Lande- und Startbahn weicht einer Teststrecke. Zusätzlich
kauft man weiteres Areal dazu. Für
die Konstruktion von Werk und Fahrzeug kann Alfa Romeo den österreichischen
Ingenieur Rudolf
Hruska gewinnen. Die Möglichkeit ein Auto angefangen beim sprichwörtlichen
"weißen Blatt Papier" - ohne Vorgaben oder modellpolitische Zwänge - zu entwickeln ist
zu verlockend. Hruksa kündigt bei Fiat und macht sich an das Projekt Alfasud für
das er fortan verantwortlich ist. Für italienische Verhältnisse schreitet die
weitere Planung nun erstaunlich schnell voran. Aus 130.000 Bewerbern hat Alfa
Romeo 16.000 Arbeiter herauszusuchen. Dabei stellt sich aber schnell das Problem
der mangelnden Qualifikation der Süditaliener. Ohne norditalienische Fachkräfte
aus den dortigen Automobilwerken ist an die Produktion von Autos im Süden nicht
zu denken. Diesen muss es aber erst schmackhaft gemacht werden in den Süden zu ziehen und dort
ihre neuen Kollegen anzulernen. Die Geringschätzung der reichen Mailänder
gegenüber den Menschen aus dem Mezzogiorno ist noch heute nicht ganz
abgeklungen. Am Ende besteht die Belegschaft von Pomigliano
d'Arco aus cirka 7 bis 8 % Norditalienern. Auch die Zulieferbetriebe müssen sich erst auf die sehr
südliche Lage der Produktionsanlagen einstellen. Die Infrastruktur um
Pomigliano d'Arco muss ebenfalls erst neu- oder ausgebaut werden. Verschärft wird der Konflikt mit Fiat noch durch das Abwerben von
Hruska. Mit ihm bestreiten 27 Spezialisten, teils ebenfalls bei Fiat abgeworben,
teils aus Arese kommend die heiße Phase des Projekts. Hruska schafft es dank minutiöser Planung vollkommen unerwartet
die Kosten des Projekts nicht zu überschreiten. Es gelingt ihm nur
276 Milliarden Lire für die Durchführung zu verbrauchen - eine
Einsparung von knapp 10 %. Außerdem ist er jederzeit fähig den
Finanzkontrolleuren genauste Angaben über Bau- und Planungsfortschritte
zu geben. Die Väter des Alfasud Rudolf Hruska beginnt die Arbeit am Projekt Alfasud in seinem Büro in Mailand, wo er lediglich mit zwei Mann auskommt. Nach der sehr schnell abgeschlossenen Planungsphase kommen weitere Vertraute Hruskas zum Projekt dazu. Als Fahrwerksspezialist und Projektleiter wird der ehemalige Porsche- und Autodelta-Mitarbeiter Domenico Chirico verpflichtet. Giorgetto Giugaro, der kurz zuvor die Firma Ital-Design gegründet hat, gesellt sich auf Anraten von Carlo Felice Bianchi Anderloni (dem ehemaligen Touring-Chef) zum Team dazu und ist für das Design verantwortlich. Für die Wagenentwicklung ist Aldo Mantovani zuständig, Carlo Bossaglia kümmert sich um die Entwicklung des Motors, wobei er von Carlo Chiti (dem berühmten Autodelta-Chef) Unterstützung erhält. Komplettiert wird das Team von Ingeniere Agazzano (Karosseriefertigung) und Federico Hoffmann dem die Fahrwerkskonstruktion unterliegt. Schon in den fünfziger Jahren sind einige deutsche Ingenieure übrigens an der Planung und Verwirklichung der Giulietta beteiligt gewesen. Das Alfasud-Konzept Vorgaben für die Technik gibt es eigentlich nur zwei: es müsse ein günstiges, wirtschaftliches Auto entstehen, das zugleich ein typischer Alfa Romeo sein solle.
Ein wichtiges Anliegen des fast zwei Meter großen Hruska ist es einen Innenraum
zu schaffen, in dem vier ausgewachsene
Mitteleuropäer bequem und ohne Verrenkungen sowohl vorne als auch hinten sitzen
können - damals in dieser Klasse keinesfalls üblich. Um einen großzügigen Innenraum zu schaffen,
fällt die Wahl daher auf Frontantrieb. Somit können Differenzial und Getriebe
Platz und Gewicht sparend in einem Gehäuse untergebracht werden. Das gros der
europäischen Hersteller - beispielsweise Opel Auch der Kraftstofftank wandert
aus seiner bis dato üblichen Position (zwischen Rückbank und Kofferraum
oder unter dem Kofferraumboden) in einen bei vielen Autos bis zum heutigen Tagen
ungenutzten Raum: unter die hintere Sitzbank. Somit sinkt der
Schwerpunkt des Alfasud und das Kofferraumvolumen vergrößert sich, da der
Kofferraumboden tiefer positioniert werden kann. Zudem liegt der Tank nicht in der hinteren
Knautschzone - heute übrigens ein als wichtiges Merkmal angesehenes
Sicherheitsfeature, womit sich beweist, wie weit der Alfasud seiner Zeit voraus
war. Bau- und Planungsphase von Werk und Auto Zum Ende des Jahres 1967 ist der Motor bereits fertig entwickelt. Am 10. Juli 1968 macht er seine ersten "Umdrehungen" auf dem Prüfstand. Im September 1968 ist dann die Karosse fertig entwickelt. Die erste Probefahrt kann Rudolf Hruska am ersten November 1968 machen. Zur gleichen Zeit steht in Pomigliano d'Arco aber noch kein einziges fertiges Gebäude des neuen Werkes - man ist noch mit voll den Bauarbeiten beschäftigt.
Nach Anlaufschwierigkeiten beim Bau der Produktionsanlagen - Streiks
der Arbeiter Probleme mit der Produktivität und der Qualität Der Alfasud ist zwar die Sensation des Turiner Salons 1971, doch mit der beginnenden Serienfertigung am 1. April 1972 fangen die Probleme erst an. Die Produktion wird immer wieder von Streiks und Sabotage, Schikanen und Verzögerungen gestoppt. Auch die Verarbeitung der Fahrzeuge lässt zu wünschen übrig - hier schlägt die Mentalität der Süditaliener durch. Man bekommt das Produktivitätsproblem nicht in den Griff. Anfänglich verlassen gerade mal 70 Autos pro Tag das Werk. Eigentlich waren 500 Autos geplant. Man erhofft diese Zahl sechs Monate nach Produktionsbeginn zu erreichen, später soll sie noch einmal verdoppelt werden. Doch so weit kommt es während der gesamten Produktionszeit des Alfasud nie. Vielfach sind die Produktionsarbeiter neben ihrer Arbeit bei Alfasud auch noch in der heimischen Landwirtschaft beschäftigt und interessieren sich in der Erntezeit mehr für die Felder als für die Autoproduktion. Zur Einführung des Alfasud ti sollten bereits 175.000 Alfasud gebaut worden sein, tatsächlich sind es aber nur 78.000. Die Lieferzeiten steigen und steigen und die ersten Kunden springen wieder ab. Durch die Schluderei in der Fertigung beginnt das gute Image Alfa Romeos massiv zu leiden, mit jedem aus Pomigliano d' Arco kommenden gammeligen Alfasud sinkt der gute Ruf weiter. Bald überträgt die Öffentlichkeit das Dilemma zu unrecht auch auf die anderen Produkte des Hauses. Am Stammtisch wird der auch nicht mehr oder weniger als ein zeitgenössischer BMW rostenden Giulia das Image des Alfasud angedichtet. Zur gleichen Zeit wird Rudolf Hruska die Arbeit zur Hölle gemacht, das Werk wird immer wieder von Streiks stillgelegt. So weigert sich plötzlich ein Lackierer weiter Grundierung zu lackieren, da ihm dies zu gesundheitsschädlich sei. Einen Austausch mit einem anderen Lackierer lehnt er ab, und so beginnen die an der frischen (Meer-) Luft auf ihre Grundierung wartenden Rohkarossen schon den ersten Flugrost anzusetzen bevor sie lackiert werden. Insgesamt sind es am Ende über 700 Streiks gewesen, die die Produktion stören oder stilllegen.
Um die Hohlräume der Karosserie besser vor Rost zu
schützen verwendet man beim Alfasud ein damals neues Verfahren. Alle Hohlräume
werden mit speziellen Kunststoffschäumen ausgeschäumt - mit katastrophalen
Auswirkungen. Da sich die Hohlraumkonservierung mit Schaum als Irrweg erweist, beginnt man 1976 besonders Rost gefährdete Karosserieteile aus Zincrometal-Blechen herzustellen was die Rostanfälligkeit des Alfasud endlich verbessert. Als Alternative für die Ausschäumung werden die Hohlräume nun mit Wachsen versiegelt. So sieht man es jedenfalls vor. Das für Alfa Romeo millionenteuere Hohlraumversiegeln mit Wachs wird nicht im Werk selber sondern von einer Fremdfirma am bereits fertig gestellten Auto schlampig durchgeführt. Anstatt den gesamten Hohlraum zu besprühen sind sich die Arbeiter anscheinend zu schade die Hohlraumsonde richtig in den Hohlräumen zu bewegen. So werden viele Bereiche nicht vom Wachs erreicht und rosten nach wenigen Jahren während an anderen Stellen das Wachs klumpendick in den Ecken hängt und die Abläufe verstopft. Nach der anfänglichen, die Leistungsfähigkeit des Werkes übertreffenden Nachfrage des Alfasud, flaut diese auf ein normales Maß ab, so dass sich von einigen Farbvarianten Lagerbestände bilden, die durchaus auch einmal ein halbes Jahr auf ihre Auslieferung an den Kunden im Freien wartend verbringen. Die Korrosion erhält damit schon vor Auslieferung den Startschuss für ihr zerstörerisches Werk. Um das schon erwähnte Produktivitätsproblem genauer zu erforschen und den Verursacher zu finden, schickt man Mitte 1978 eine Kommission internationaler Experten ins Alfasud-Werk. Sie finden heraus, dass die mangelnde Produktivität fast ausschließlich auf das Personal zurückzuführen ist. Zur Zeit dieser Analyse werden gerade 487 Alfasuds pro Tag produziert. Plansoll in dieser Zeit sind 540 Fahrzeuge. Die Experten bescheinigen den Anlagen im Werk aber eine Tageskapazität von 800 Einheiten. Hruska kann den immer wieder bockigen Gewerkschaften nun hieb- und stichfest beweisen, dass die Arbeiter und nicht das Produktionskonzept an der geringen Produktivität schuld sind. Nutzen tut dies allerdings nichts. 1978 werden allein in den ersten vier Monaten 12.000 Fahrzeuge zu wenig produziert. Außerdem bringt die Kommission einen weiteren Fakt ans Tageslicht. In Pomigliano d' Arco kostet die Produktion des Alfasud 175 % mehr als sie in einem Werk außerhalb Süditaliens kosten würde. Ursache sind die zu hohen Personalkosten. Man stellt fest, dass es 8000 Stellen zuviel gibt. Nun ist der Alfasud nicht allein an der finanziellen Misere Alfa Romeos Ende der siebziger Jahre beteiligt. Auch Alfa Nord (also Giulia, Bertone, Spider und co.) ist nicht profitabel. Doch schafft man es die Probleme bei Alfa Nord auszumerzen - im Gegensatz zu den Problem bei Alfasud. Vor der einzig sinnvollen Lösung, der Entlassung von Mitarbeitern in Pomigliano d' Arco, schreckt man aber in Mailand zurück. Die Folgen einer Massenentlassung auf die Moral der verbliebenen Mitarbeiter wären wahrscheinlich noch desaströser gewesen. Zurückblickend war das Projekt Alfasud trotz der für Alfa Romeo großen Stückzahl verkaufter Fahrzeuge (über einer Million gebauter Exemplare) ein finanzielles Desaster. Durch die vielen Streiks legte der Staat am Ende etwa 25 EUR pro gebautem Fahrzeug drauf. Trotz allem weiß der Alfasud seine Kunden auch von Anfang an zu begeistern. Bei vielen seiner Qualitäten müssen die Konkurrenten einfach passen. Sein Fahrwerk, der drehfreudige Motor oder der große Innenraum suchen ihres gleichen. Ein Fünfganggetriebe gibt es bereits (zunächst gegen Aufpreis) zu einem Zeitpunkt serienmäßig, zudem man in Wolfsburg dieses Wort noch nicht einmal buchstabieren kann. Weiter zur Modellgeschichte Letztes Update: 4. September 2007 Created: März 2000 © Layout und Text by Tim Rauen. |